5 Gründe, warum Schätzen in Scrum sinnvoll ist – und wann du es lassen solltest

von | Jan. 26, 2026 | WB - Agilität | 0 Kommentare

Agiles Schätzen soll den Teams dabei helfen, den Aufwand für die Bearbeitung einer Aufgabe z.B. in den Dimensionen Zeit, Komplexität, Abhängigkeiten zu verstehen. Dieses Werkzeug sorgt seit Jahren für hitzige Diskussionen: Brauchen wir das wirklich noch, oder machen Schätzungen Meetings einfach nur länger? In einer Zeit, in der Time-to-Market, Fokus und Flow wichtiger sind als perfekte Pläne, lohnt sich ein kritischer Blick. In diesem Beitrag erfährst du, wann Schätzen dir wirklich hilft, wann du es mutig weglassen kannst und welche Alternativen dir mehr Leichtigkeit in dein agiles Arbeiten bringen.

Was dich in diesem Beitrag erwartet:

Wenn dein Team gefühlt mehr Zeit mit Schätzen als mit Entwickeln verbringt, ist etwas schiefgelaufen. Gleichzeitig fordern Stakeholder Forecasts, Roadmaps und Budgetentscheidungen und du stehst dazwischen. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von agilem Schätzen ist deshalb keine Formalie, sondern berührt den Kern deiner Zusammenarbeit. Du wirst gleich sehen, dass es dabei weniger um die Methode selbst geht, sondern um die Frage: Wofür schätzt ihr überhaupt?

Was Schätzen in Scrum eigentlich leisten soll

Ursprünglich war Schätzen nie dafür gedacht, exakte Aufwandsermittlungen zu liefern. Vielmehr ist ihr tieferer Sinn, Orientierung zu geben. Relative Maßeinheiten, wie z.B. T-Shirt-Größen, sollen dir helfen, Komplexität und Größe von Aufgaben vergleichbar zu machen. Auf diese Weise kann dein Team:

  • erkennen, welche Aufgaben zu groß sind und noch geschnitten werden müssen.
  • besser priorisieren, indem es Aufwand grob dem erwarteten Wert gegenüberstellt.
  • eine grobe Prognosen treffen, wann in etwa bestimmte Features lieferbar sein könnten.

Wichtig: Gute Schätzrunden sind immer auch Kommunikationsformate. Der eigentliche Wert liegt in den Diskussionen: „Was macht diese Aufgabe kompliziert? Welche Abhängigkeiten übersehen wir gerade? Welche Risiken stecken drin?“ 

5 typische Probleme mit klassischem Schätzen

Trotz diesen Vorteilen ist Kritik am Schätzen absolut berechtigt und du hast einige der folgenden Punkte im Alltag wahrscheinlich selbst erlebt:

Schätzen frisst zu viel Zeit
Lange Schätzrunden mit 30 User Stories, endlosen Diskussionen und minimalem Erkenntnisgewinn kosten Energie und Fokus. Wenn der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht, verliert das Team schnell die Lust und der Mehrwert der Schätzung geht verloren.

Schätzungen werden als Zusage missverstanden
Aus „Wir glauben, das ist eine 5“ wird schnell „Ihr habt doch gesagt, ihr schafft das in diesem Sprint“. So geraten Teams unter Druck, schätzen defensiv oder hören auf, ehrlich zu sein. Dann wird aus einem Dialog-Instrument eine versteckte Kontrollmethode.

Schätzungen werden in Stunden „zurückgerechnet“
Sobald jemand fragt „Wie viele Stunden ist denn eine T-Shirt-Größe M?“, bist du auf dem direkten Weg zurück zum klassischen Projektmanagement. Damit gehen die Vorteile relativer Schätzung verloren.

Reife Teams brauchen oft weniger Schätzungen
Je erfahrener und stabiler ein Team ist, desto besser kann es den Arbeitsfluss anhand echter Daten steuern. Dann wirken lange Schätzrunden schnell wie ein Ritual, das keiner mehr hinterfragt. Man schätzt, einfach, weil „man das halt so macht“.

Wann Schätzen in Scrum noch sinnvoll ist

Schätzen ist aber nicht per se veraltet. Es kommt darauf an, in welcher Situation dein Team ist und welches Problem du lösen möchtest. Besonders hilfreich ist Schätzen, wenn:

  • dein Team neu ist, oder viele neue Leute dazukommen.
  • du gerade ein neues Produkt aufbaust.
  • ihr noch kein stabiles Verständnis habt, wie groß eure typischen Aufgaben sind.
  • Stakeholder grobe, aber ehrliche Forecasts brauchen, um Entscheidungen zu treffen.

Dann können relative Schätzmethoden dir helfen, Muster zu erkennen: Was ist für euch „normal groß“? Was ist „episch“? Wo verschätzt ihr euch regelmäßig? Diese Erkenntnisse sind der eigentliche Hebel für eine bessere Planung.

Ein weiterer sinnvoller Einsatzzweck sind Schätzrunden als Risikoklärung. Wenn das Team sehr weit auseinander liegt bei der Schätzung einer User Story, steckt fast immer ein ungeklärter Aspekt, ein Missverständnis oder eine versteckte Abhängigkeit dahinter. Genau diese Diskussionen sind Gold wert und verhindern später böse Überraschungen im Sprint.

Wann du aufs Schätzen (teilweise) verzichten kannst

Spätestens, wenn dein Team stabil arbeitet und euer Task-Board gut gepflegt ist, kannst du dich fragen: „Brauchen wir wirklich noch jede einzelne Schätzung?“ In vielen Kontexten reicht es aus, stattdessen auf Durchlaufzeiten zu setzen.

Typische Szenarien, in denen du Schätzen reduzieren oder ganz darauf verzichten kannst:

  • Euer Workflow ist gut visualisiert, Aufgaben sind ähnlich groß und ihr habt viele vergleichbare Tickets.
  • Ihr habt bereits verlässliche Daten zu „Wie lange dauert bei uns ein Ticket im Durchschnitt?“
  • Ihr arbeitet mit Kanban-Prinzipien und optimiert systematisch euren Flow.

In solchen Setups liefern echte Metriken wesentlich verlässlichere Vorhersagen als jede Schätzung. Das bedeutet nicht, dass ihr nie wieder schätzt. Es kann völlig ausreichen, nur noch grob zu clustern (klein – mittel – groß) oder nur für besonders riskante oder teure Themen bewusst eine Schätzdiskussion einzusetzen.

So machst du Schätzen leichter

Wenn du Schätzen beibehalten, aber entkrampfen möchtest, helfen dir diese Ansätze:

  • Setze eine klare Timebox: Zum Beispiel maximal 2 Minuten Diskussion pro Aufgabe. Wenn ihr euch danach nicht einig seid, ist das ein Signal für Unsicherheit. „Noch mehr reden“ löst diese Unsicherheit dann oft nicht auf.
  • Lass nur das schätzen, was wirklich relevant ist: Ihr müsst nicht das gesamte Backlog schätzen. Konzentriert euch auf die nächsten 1–2 Sprints oder auf große Brocken, die für Roadmaps wichtig sind.
  • Nutze Schätzen bewusst als Gesprächsanlass: Frag in der Runde „Was macht diese Aufgabe für dich zu einer XL und nicht zu einer M?“ So holst du Risiken, Unsicherheiten und Annahmen an die Oberfläche.
  • Trenne Schätzung von festen Zusagen: Mach deinem Team und den Stakeholdern klar, dass Schätzungen Hypothesen sind, keine Versprechen. Nutze Abweichungen, um zu lernen, nicht, um zu kontrollieren.

Deine Einladung zum Experiment

Die eigentliche Frage ist nicht „Ist Schätzen in Scrum noch sinnvoll?“, sondern: „Hilft uns unser aktueller Umgang mit Schätzungen, bessere Produkte schneller zu liefern, oder eher nicht?“ Nimm diesen Blogbeitrag als Einladung, mit deinem Team ins Gespräch zu gehen: Welche Teile von Schätzen helfen uns wirklich? Welche können wir mutig streichen? Wo wollen wir neue Wege ausprobieren?

Starte direkt: Nimm das Thema mit in eure nächste Retrospektive, wählt einen konkreten Experimentier-Rahmen für die nächsten 2–3 Sprints und überprüft bewusst, was euch näher an euer Ziel bringt: weniger Theater um Zahlen, mehr Fokus auf Wert.

💡 Über die Autorin

Lucy Larbi – Expertin für Agilität & Vielfalt

 

Lucy Larbi ist Zukunftsdenkerin und Beraterin für mittelständische und große deutsche Unternehmen, die sich mit der agilen Transformation beschäftigen. Schlanke Prozesse und leistungsstarke Teams zu entwickeln sind ihre Expertise.

Zudem begleitet sie Unternehmen in allen Fragen rund um Diversität & Inklusion und verhilft ihnen mit gezielten Strategien zu mehr Vielfalt.

Sie ist außerdem Gründerin von FoG-Germany und Initiatorin von AiDiA – dem ersten Afrodeutschen Startup Pitch Event.

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